Frap Tools: Mat Watson, Modulare Systeme und die Kunst, Zeit zu verbiegen

30. Oktober 2024

MILES

Frap Tools: Mat Watson, Modulare Systeme und die Kunst, Zeit zu verbiegen

Der australische Multiinstrumentalist Mat Watson spricht mit Frap Tools über seine Philosophie der modularen Synthese und verbindet dabei die Wildheit des EMS Synthi mit der Präzision von Eurorack. Diese Folge von „Let’s Talk Music“ ist weniger ein Produktdemo als vielmehr eine Reise durch Watsons Patch-Denken – dort, wo Spannung, Rhythmus und Sounddesign aufeinandertreffen. Erwartet nachdenkliche Überlegungen zur Entwicklung musikalischer Entdeckungen, praxisnahe Patch-Analysen mit Frap Tools-Modulen und eine offene Diskussion darüber, wie man musikalische und modulare Standards herausfordert. Wer Patch-Inspiration sucht oder hören will, wie ein erfahrener Künstler modulare Systeme zu seinem Werkzeug macht, ist hier genau richtig.

Von Victoria ins modulare Neuland

Mat Watsons musikalische Laufbahn ist alles andere als konventionell. Aufgewachsen im ländlichen Victoria, Australien, war er eher von den Klängen des Buschs als von einer urbanen Kunstszene umgeben – Musik und Skateboarding waren seine gewählten Fluchten. Frühe Erfahrungen mit Schlagzeug, Jazzstudium und eine Faszination für Künstler wie Herbie Hancock und Tangerine Dream legten das Fundament für seine späteren Erkundungen. Watsons prägende Jahre waren von Entdeckerhunger geprägt, sei es beim Durchstöbern von Plattenläden oder beim Experimentieren mit frühen Synthesizern wie dem Korg Mini 700 und Vierspur-Tonbandgeräten.

Sein Werdegang spiegelt eine Zeit vor der unendlichen Bibliothek des Internets wider, in der musikalisches Wissen mühsam erworben und physische Medien geschätzt wurden. Watson beschreibt, wie diese Knappheit seine Wertschätzung für Klang-Artefakte prägte – sowohl beim Hören als auch beim Musikmachen. Die haptische Beziehung zu Platten und Instrumenten und das Lernen durch direkte Erfahrung bilden das Fundament für seine spätere Hinwendung zur modularen Synthese als Werkzeug für persönlichen Ausdruck und klangliche Abenteuer.


Standards herausfordern: Watsons Modular-Ansatz

Watsons Einstieg in die modulare Synthese wurde durch den Kauf eines EMS Synthi AKS im Jahr 2006 ausgelöst – eine Maschine, die für ihn das geheimnisvolle, grenzenlose Potenzial elektronischer Klänge verkörperte. Die Matrix-Patchstruktur und das eigenwillige Verhalten des Synthi wurden zum kreativen Bezugspunkt und führten ihn dazu, Eurorack als Möglichkeit zu sehen, eine tragbare, individualisierte Version dieses Erlebnisses zu bauen. Anstatt den Synthi einfach zu kopieren, ließ sich Watson von der eigenen Logik und den Eigenheiten jedes Modularformats anziehen.

Im Video zeigt Watson eine Patch-Philosophie, die Standards meidet und zum Querdenken anregt. Er spricht über den Übergang von der Matrix des Synthi zum Punkt-zu-Punkt-Verkabeln im Eurorack und betont den gestiegenen Bedarf an Abschwächung und Spannungsaufbereitung. Für Watson geht es beim Modular nicht darum, klassische Maschinen zu imitieren, sondern eine persönliche Klangwelt zu erschaffen – mit Unvorhersehbarkeit, Feedback und den feinen Eigenarten jedes Moduls. Das wird in seinen Patch-Beispielen deutlich, in denen Sequencer, Funktionsgeneratoren und gestische Controller genutzt werden, um sich entwickelnde, ereignisgesteuerte Klanglandschaften zu formen.

Es war ein lebensverändernder Moment, weil es eine Maschine war, die all das widerspiegelte, was ich zuvor gehört hatte, all die Klänge…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Spannung, Rhythmus und die Kunst der Modulation

Es ist ein Punkt, an dem man gezwungen ist, außerhalb des Rahmens zu denken und die eigene Arbeitsweise mit diesen Systemen zu hinterfragen.

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Im Zentrum von Watsons Patch-Stil steht der kreative Einsatz von Spannungssteuerung, um Parameter zu animieren und rhythmische Erwartungen zu unterlaufen. In der Analyse zweier zentraler Patches zeigt er, wie Sequencer wie der Frap Tools USTA nicht nur für Melodien, sondern als Motoren für Ereignisse – Pulse, Gates und Modulationen – genutzt werden, die das System in unerwartete Richtungen treiben. Durch variierende Stufenlängen und Gate-Dauern entstehen animierte, nicht-repetitive Muster, die Rhythmus und Textur verschwimmen lassen.

Watson interessiert sich besonders dafür, die Wahrnehmung von Zeit innerhalb eines Patches zu verzerren. Oft arbeitet er in ungeraden Taktarten – Fünfer, Siebener, Neuner – und verschiebt Sequenzen manuell oder spannungsgesteuert aus dem Raster. Dieser Ansatz wird durch den Einsatz gestischer Controller wie dem Intellijel Planar verstärkt, der Echtzeit-Manipulation von FM, Timbre und Raum erlaubt. Das Ergebnis ist ein dynamisches Wechselspiel zwischen Struktur und Chaos, bei dem Modulation ebenso sehr auf Gefühl und Intuition wie auf technischer Präzision basiert.

Synthi, Eurorack und die persönliche Klangwelt

Watsons Beziehung zum EMS Synthi prägt weiterhin seine modulare Praxis. Er beschreibt den Synthi als Muse und Maßstab – eine Maschine, deren Eigenheiten und Begrenzungen neue Denkweisen beim Patchen inspirieren. Während die Matrix des Synthi eine andere Interaktion bietet als das Eurorack, schätzt Watson beide Formate für ihre Fähigkeit, fokussierte, tiefe Erkundungen zu ermöglichen. Er erzählt, wie er ganze Alben mit dem Synthi aufnahm und dessen Verstimmungen und Schrulligkeiten als kreative Stärken statt Schwächen begreift.

Im Gespräch zieht Watson Parallelen zwischen seinen instrumentenbasierten Alben und der Tradition, einzelne Systeme als kompositorische Rahmen zu nutzen. Jedes modulare Setup sieht er als Gelegenheit, in die Logik des Designers einzutauchen, Schönheit aus der beabsichtigten Architektur zu extrahieren und gleichzeitig Missverständnisse über das „Sollte“ eines Instruments herauszufordern. Für Watson ist die modulare Umgebung ein Raum für persönliche Reflexion und Rückzug, aber auch eine Plattform für Performance und Kollaboration.

Seine Patch-Demonstrationen illustrieren diese Philosophie weiter. Ob mit Frap Tools-Modulen oder dem Synthi – Watson interessiert sich weniger für Genre-Konventionen als für die Freiheit, Klang und Zeit nach eigenen Vorstellungen zu formen. Das Zusammenspiel von manueller Kontrolle, Spannungsautomation und Systemdesign wird zum Spielplatz für klangliche Experimente.


Modulare Zukunft: Kreative Workflows und neue Horizonte

Das Gespräch endet mit einem Ausblick auf die Zukunft der modularen Synthese und die Workflows, die aus dem Bruch mit Traditionen entstehen. Watson und das Frap Tools-Team diskutieren mögliche neue Module – etwa komplexe CV-Mixer oder Touchplate-Controller –, die die Möglichkeiten für Performance und Interaktion weiter ausbauen könnten. Watson wünscht sich Werkzeuge, die das Erzeugen einer „CV-Suppe“ erleichtern, also die komplexe Mischung und Steuerung von Kontrollspannungen mit haptischen, performativen Interfaces.

Im Kern steht dabei ein wiederkehrendes Thema: die Bedeutung von Freiheit und bewusster Gestaltung in der modularen Praxis. Watson sieht die modulare Umgebung als Raum für fortwährende Experimente, in dem die Grenzen zwischen Studio und Bühne, Komposition und Improvisation, ständig neu verhandelt werden. Das Video schließt mit einer offenen Neugier – einer Einladung, weiterhin Standards zu hinterfragen und neue Wege zu finden, wie modulare Systeme der Musik dienen können, statt umgekehrt.

Ich würde gerne etwas sehen, das komplexes CV-Mixing ermöglicht, nicht Audio-CV... Ich möchte eine Art CV-Suppe erzeugen, in die ich alle…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Übersetzt aus dem Englischen. Den Originalbeitrag findest du hier: https://synthmagazine.com/frap-tools-mat-watson-modular-systems-and-the-art-of-distorting-time/
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