Frap Tools: Modulare Choreografie mit Jerome Begin – Ein Komponist verknüpft Patchwork für den Tanz

10. September 2025

MILES

Frap Tools: Modulare Choreografie mit Jerome Begin – Ein Komponist verknüpft Patchwork für den Tanz

In dieser Episode von Frap Tools bekommen wir einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise von Jerome Begin, einem erfahrenen Komponisten, dessen Weg von Klavierstunden in Ohio bis hin zu Modular-Synth-Performances für zeitgenössischen Tanz alles andere als gewöhnlich ist. Begin erläutert, wie er modulare Synthese in die Choreografie integriert und beleuchtet dabei die praktischen und philosophischen Schnittstellen zwischen Musik, Bewegung und Technologie. Das Gespräch dreht sich ebenso um Patchkabel und Filter wie um das expressive Potenzial von Live-Elektronik im Zusammenspiel mit akustischen Instrumenten. Wer wissen möchte, wie modulare Setups einstündige Tanzstücke tragen – oder was passiert, wenn man einen Kunis-Filter im Theater zum Klingen bringt – sollte unbedingt reinschauen.

Vom Klavier zu Patchkabeln: Jerome Begins Modularreise

Jerome Begins musikalische Laufbahn ist ein Flickenteppich aus Improvisation, klassischer Ausbildung und einer ordentlichen Portion Zufall. Aufgewachsen in Ohio begann er mit Klavierunterricht, fand aber seine eigentliche Inspiration darin, nach Gehör zu spielen und schon früh eigene Musik zu komponieren. Seine frühe Begegnung mit Improvisation – dank eines musikalischen Babysitters – legte den Grundstein für eine lebenslange Faszination, Musik abseits traditioneller Notation zu erschaffen. Während Begin durch Schulbands und schließlich an die Universität ging, führte ihn seine Neugier von der Audioproduktion in die formale Komposition, immer mit einem Bein in der akustischen wie in der elektronischen Welt.

Der Einstieg in die Komposition für Tanz war, wie er selbst sagt, eine Reihe glücklicher Zufälle. Begins Improvisationstalent verschaffte ihm einen Job als Begleiter von Tanzklassen, was wiederum Türen zur Arbeit mit Choreografen öffnete und ihn schließlich zu seiner heutigen Rolle an der Juilliard School führte. Besonders auffällig ist in seiner Erzählung, wie organisch die modulare Synthese Teil seines Werkzeugkastens wurde – nicht als Ersatz für traditionelle Instrumente, sondern als Möglichkeit, den Dialog zwischen Bewegung und Klang zu erweitern. Für Begin geht es bei Modular nicht nur um Sounddesign, sondern darum, Systeme zu schaffen, die auf die Energie einer Live-Performance reagieren und diese formen können – besonders im Kontext von Choreografie, wo Musik sowohl unterstützen als auch mit den Tänzern interagieren muss.

Es geht nicht nur darum, Musik zu komponieren, sondern Systeme zu komponieren, die Musik erzeugen.

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Im Rack: Kunis, Usta und ein Modular-Patch für den Tanz

Wenn ich einen Knopf drücke, werden 12 Kabel umgeleitet – das ist fantastisch, denn je mehr ich während einer Show umstecken muss, desto…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Begins Modular-Setup für das Stück von Douglas Dunn ist ein Lehrstück in Zurückhaltung und Vielseitigkeit. Anstatt eines endlosen Module-Wirrwarrs strukturiert er jede Sektion der einstündigen Performance um bestimmte Werkzeuge und minimiert so das Umstecken, während er die musikalische Aussage maximiert. Der Kunis-Filter steht im Zentrum des Openings, wo er über die regulären Eingänge zum Klingen gebracht wird, um resonante, sich entwickelnde Töne zu erzeugen – bewusst wird der Bandpass-Ausgang für einen weniger tonalen Charakter vermieden. Zufällige Trigger aus Ableton, deren Dichte über eine clevere LFO-Kette moduliert wird, erwecken den Filter zum Leben, während Resonanzfahrten pitch-bendingartige Texturen einbringen, die mit der Live-Violine interagieren.

Der Usta-Sequencer, sonst ein Grundpfeiler in Begins Rack, bleibt für dieses Projekt zugunsten von Abletons Sequencing und Effekten außen vor, was präzise Szenenwechsel und Automationen ermöglicht, die von Hand kaum machbar wären. Matrixmixer und Doepfers Octal Switch sorgen für die nötige Routing-Flexibilität, um zwischen den Abschnitten ohne Kabelsalat im Dunkeln zu wechseln. Später erweitert sich das Modular-Patch um die Morphagene für Live-Violin-Sampling, Brenso für pitch-getrackte Synthese und eine Vielzahl von Modulationsquellen – Pam’s Pro Workout, FALISTRI und mehr – die jeweils auf bestimmte musikalische Gesten gemappt sind. Antennen-Controller und Attenuatoren ermöglichen Echtzeit-Klangverschiebungen, während die Modular-Stimmen für einen dynamischen, räumlichen Soundscape gepannt und geschichtet werden, der sich mit der Choreografie entwickelt.

Auffällig ist Begins Fokus darauf, das Modularsystem als eigenständiges Instrument zu behandeln. Er beschreibt, wie er sich eine Art Muskelgedächtnis für das Patch antrainiert, weiß, welchen Attenuator er greifen muss und wie er das Zusammenspiel von Hands-on-Kontrolle und Automation balanciert. Das Modularsystem ist nicht nur Klangquelle, sondern ein reaktionsfähiger Partner der Performance, der alles von subtilen Filterpings bis zu wilden Arpeggien beisteuert – alles verwoben mit dem Tanz.

Elektronik trifft Streicher: Ausdrucksstarke Hybride

Im Zentrum von Begins kompositorischem Ansatz steht das nahtlose Zusammenspiel von elektronischen und akustischen Elementen. Im Douglas-Dunn-Stück spielen die Live-Violinisten nicht nur zur Elektronik – sie prägen das Modular-Patch aktiv über Pitch- und Amplituden-Tracking. Die Morphagene nimmt Pizzicato-Loops in Echtzeit auf, während Brensos Oszillatoren durch die Hüllkurve und Tonhöhe der Violine moduliert werden und so ein hybrider Klang entsteht, der die Grenze zwischen Performer und Maschine verschwimmen lässt.

Dieses Wechselspiel ist nicht nur technischer Natur, sondern auch Ausdruckssache. Begin betont die Bedeutung von Systemen, in denen Elektronik auf die Nuancen des Live-Musizierens reagieren kann und so spontaner Dialog und gegenseitige Beeinflussung möglich werden. Indem Violinen-Audio durch Pitch-Tracker geleitet und mit Modular-Tools verarbeitet wird, entsteht eine Performance, in der Elektronik und Streicher ständig im Gespräch sind – jeder beeinflusst die Rolle des anderen im sich entwickelnden Klangbild.


Live-Patchwork: Spontanität und Struktur im Modular-Performance

Begins Workflow ist ein Balanceakt zwischen Reproduzierbarkeit und Improvisation. Für eine einstündige Tanzmusik braucht es genug Struktur, um das Stück zuverlässig aufführen zu können, aber auch genügend Flexibilität für Echtzeit-Interaktion und Anpassung. Ableton dient als Rückgrat für Szenenwechsel und Effekt-Routing, doch das Modularsystem ist der Ort des expressiven Geschehens – Filterfahrten, Modulationstiefen und Stimmzuweisungen sind alle live steuerbar.

Er beschreibt, wie wichtig es ist, sich für jeden Abschnitt auf einen bestimmten Modulsatz zu beschränken und das Modularsystem als maßgeschneidertes Instrument für das jeweilige Stück zu betrachten. Diese Einschränkung erhöht nicht nur die Zuverlässigkeit im Live-Betrieb, sondern fördert auch die Kreativität, da Begin gezwungen ist, das volle Ausdrucksspektrum jedes Moduls auszureizen. Das Ergebnis ist eine Aufführung, die sowohl komponiert als auch lebendig wirkt – mit dem Modularsystem als reaktionsfähigem, sich ständig entwickelndem Partner für Tänzer und Musiker auf der Bühne.


Die Zukunft der Kontrolle: Ausdruck und CV-Innovation

Das Gespräch schließt mit einem Ausblick auf die Zukunft der modularen Synthese, insbesondere auf den Bedarf an ausdrucksstärkeren Kontroll-Interfaces und fortschrittlicher CV-Generierung. Begin lobt Frap Tools’ Philosophie, selbst einfachen Utilities eine zusätzliche Funktionsebene zu verleihen, merkt aber an, dass die nächste Grenze in der Entwicklung neuer Möglichkeiten zur Echtzeit-Erzeugung und -Modulation von Steuerspannungen liegt.

Er stellt sich Interfaces vor, die über Näherungssensoren oder klassische Controller hinausgehen – Werkzeuge, die mehrdimensionale, gestische Eingaben und Meta-Kontrolle über das Verhalten anderer Controller ermöglichen. Die Herausforderung sieht er darin, Systeme zu schaffen, die so reaktionsschnell und nuanciert sind wie akustische Instrumente und es den Performern erlauben, Klang mit derselben Unmittelbarkeit und Feinheit zu formen wie ein Geiger oder Pianist. Für Modularmusiker und Hersteller bleibt die Suche nach neuen Ausdrucks- und Interaktionsformen ein offener Patchpunkt – bereit zur weiteren Erforschung.

Was in Eurorack fehlt, ist eine andere Art der Live-Instrumentensteuerung.

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

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