Frap Tools: Taktile Dialoge und modulare Willensfreiheit – Ein Interview mit Isabella Forciniti

1. Mai 2024

MILES

Frap Tools: Taktile Dialoge und modulare Willensfreiheit – Ein Interview mit Isabella Forciniti

In dieser tiefgehenden Episode von Frap Tools steht die italienische Klangkünstlerin Isabella Forciniti im Mittelpunkt. Sie erforscht die fruchtbare Schnittstelle zwischen modularer Synthese, Umweltdaten und interaktiver Performance. Bekannt für ihre hybriden Setups und ihre Vorliebe für taktile Kontrolle, spricht Isabella über ihren künstlerischen Weg von Süditalien bis zur Wiener Experimentalszene, ihre Patch-Philosophie und die gesellschaftlichen Themen, die sich durch ihre Arbeit ziehen. Das Gespräch, ganz im detailverliebten und designorientierten Stil von Frap Tools, gewährt seltene Einblicke in die Denkweise einer Performerin, die Begrenzungen als kreativen Treibstoff begreift und modulare Synthesizer als Instrumente für klangliche wie gesellschaftliche Erkundungen sieht. Wer wissen will, wie sich Themen wie Willensfreiheit, Teilhabe und Sichtbarkeit von Gender im modularen Musikbereich entfalten, sollte hier unbedingt reinhören.

Von Kalabrien zu Kabeln: Isabellas künstlerische Genese

Isabella Forciniti tritt als dynamische Kraft der zeitgenössischen Klangkunst hervor – ihre Wurzeln reichen von einem kleinen Dorf in Süditalien bis in die lebendige Wiener Experimental-Musikszene. Ihre frühen Erfahrungen, geprägt von Punkbands und traditionellen Tanzrhythmen, legten den Grundstein für eine lebenslange Faszination am Zusammenspiel von Struktur und Freiheit in der Musik. Diese Dualität spiegelt sich auch in ihrem akademischen Werdegang wider, der Kommunikationswissenschaften, Multimedia und Computermusik umfasst und sie schließlich zur modularen Synthese führte.

Was Isabella besonders auszeichnet, ist ihr Drang, Technologie und Kunst nicht als getrennte Disziplinen, sondern als sich gegenseitig bereichernde Partner zu begreifen. Ihre Projekte erforschen konsequent das künstlerische Potenzial digitaler Vernetzung und von Umweltdaten und suchen nach neuen Wegen, Technologie als ausdrucksstarken, reaktionsfähigen Mitspieler statt als kaltes Werkzeug einzusetzen. Ob auf Avantgarde-Festivals oder in der Forschung – Isabellas Ansatz ist von einer ruhelosen Neugier geprägt: Immer auf der Suche nach frischen Kontexten, in denen Musik mit ihrer Umwelt und dem Publikum interagieren kann.


Hands-On-Hybride: Patchen als Performance

Isabellas Patch-Stil ist eine Studie in taktiler Interaktion und bewusster Begrenzung. Ihr Modular-Setup ist eine hybride Angelegenheit, die analoge und digitale Module zu einem reaktionsschnellen, performativen Instrument vereint. Sie bevorzugt ein schlankes System – sie meidet Maximalismus zugunsten von Tiefe und lotet jedes Modul kreativ aus. Diese Philosophie zeigt sich auch in ihrem Demonstrations-Patch, der sich auf die Formung eines einzigen perkussiven Sounds konzentriert: Der Frap Tools Brenso-Oszillator steht als Hauptstimme im Zentrum, ergänzt durch Module wie Mutable Instruments Plaits, ALMs digitalen Drum-Voice und eine gezielt ausgewählte Filter-, Hüllkurven- und VCA-Palette.

Kern ihres Workflows ist Pamela’s Workout als programmierbare Clock- und Modulationsquelle, die von euklidischen Rhythmen bis zu komplexen Logikverknüpfungen alles steuert. Modulation ist dabei nicht nur technisches Detail, sondern zentrales Ausdrucksmittel: Subtiles FM, Hüllkurvenformung und Wavefolding werden genutzt, um selbst aus einfachsten Klängen Nuancen herauszukitzeln. Effekte – insbesondere Reverb – behandelt sie als eigenständige kompositorische Stimmen, die die Räume zwischen den Beats füllen und dem Patch Tiefe verleihen, ohne dessen Charakter zu überdecken.

Für Isabella ist der physische Akt des Patchens – das Drehen an Knöpfen, das Umstecken von Kabeln, das Spüren der Systemreaktion – untrennbar mit der Musik verbunden. Modulare Synthese ist für sie nicht nur Klangerzeugung, sondern eine Plattform für Echtzeit-Interaktion, in der jede Geste den musikalischen Verlauf beeinflussen kann.

The point is to achieve, so to say, a certain level of interaction. This is still what I would like to deepen even more—what it means for…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Einflüsse, Vielseitigkeit und das Gender-Gefüge

The narrative that we are used to doesn’t suggest that the first, so to say, options you have in suggesting a musician is a female. But…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Isabellas Einflüsse sind so vielfältig wie ihre Musik – von Pionierinnen wie Wendy Carlos und Suzanne Ciani bis zu zeitgenössischen Künstlerinnen wie Arushi Jain (Modular Princess), Basak Kunak (alias a cosmos) und Yuko Araki. Sie schätzt Vielseitigkeit und lässt sich von Künstler:innen inspirieren, die Genres und Technologien mühelos durchqueren und sich nicht von traditionellen Vorstellungen elektronischer Musik einschränken lassen. Diese Offenheit spiegelt sich auch in ihrem eigenen Output wider, der von komplexen Modular-Improvisationen bis zu interdisziplinären Kollaborationen reicht.

Ein zentrales Thema im Gespräch ist die Sichtbarkeit und Anerkennung von Frauen, nicht-binären und gender-fluiden Künstler:innen in der elektronischen Musik. Isabella betont die anhaltende Geschlechterlücke auf Festivals und in Branchennarrativen und hebt die Bedeutung von Kollektiven wie Female Pressure hervor, um eingefahrene Denkmuster aufzubrechen. Für sie ist Diversität nicht nur gesellschaftliche Notwendigkeit, sondern auch kreative Ressource, die die Szene mit neuen Perspektiven und frischen Klangsprachen bereichert.

Willensfreiheit, Teilhabe und das soziale Leben des Klangs

Isabellas aktuelle Projekte sind sowohl inhaltlich als auch konzeptionell ambitioniert und verwischen oft die Grenzen zwischen Musik, Technologie und gesellschaftlicher Forschung. Sie berichtet von ihrer Mitarbeit an Forschungsinitiativen wie „A Sound That Never Was“, bei denen seismische und Umweltdaten Klangbibliotheken modulieren, sowie von partizipativen Arbeiten, die das Publikum zu aktiven Bestandteilen der Performance machen. Diese Projekte stellen grundlegende Fragen zu Handlungsspielräumen, Kontrolle und der Bedeutung von Teilhabe im digitalen Zeitalter.

Das Gespräch kehrt immer wieder zur philosophischen Spannung zwischen Willensfreiheit und technologischer Vermittlung zurück. Isabella ist sich bewusst, wie interaktive Systeme sowohl befähigen als auch subtil lenken können – für Performer:innen wie für Zuhörer:innen. Ihre Arbeiten laden das Publikum ein, die eigene Rolle zu reflektieren: nicht nur als passive Konsument:innen, sondern als Mitgestaltende, deren (wenn auch gelenkte) Entscheidungen den Verlauf jedes Stücks mitprägen. So wird ihre Praxis zum Mikrokosmos größerer Debatten um Autonomie, Kollaboration und die Politik musikalischer Erfahrung.


Neue Interfaces: Die Zukunft modularer Ausdruckskraft

Mit Blick nach vorn plädiert Isabella für eine neue Generation musikalischer Interfaces, die taktile, ausdrucksstarke Kontrolle in den Mittelpunkt stellen. Sie stellt sich Erweiterungen für Module wie den Brenso vor – etwa einen polyphonen, sensorbasierten Controller, der die Grenzen klassischer Tastaturen und Potis überwindet. Ziel ist es, den physischen Dialog zwischen Performer:in und Instrument zu vertiefen und die modulare Synthese so spielbar und nuanciert zu machen wie jedes akustische Instrument.

Diese Vision wurzelt in der Überzeugung, dass die Zukunft elektronischer Musik in innovativem, nutzerzentriertem Design liegt – in Werkzeugen, die zur Erkundung einladen und Berührung belohnen, statt starre Workflows aufzuzwingen. Für Isabella und die Frap-Tools-Community ist die nächste Grenze nicht einfach „mehr Features“, sondern bedeutsamere Wege, um durch modulare Klänge zu interagieren, zu improvisieren und sich auszudrücken.

What makes an instrument playable is always the question that I have in my mind. So that’s why sometimes it’s what I miss in Eurorack, you…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

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