Frap Tools: Tim Davies über Modular Jazz, House und die Kunst des Patchens

20. Juni 2024

MILES

Frap Tools: Tim Davies über Modular Jazz, House und die Kunst des Patchens

Frap Tools präsentiert ein ausführliches Gespräch mit Tim Davies, einem Modular-Synth-Künstler und Schlagzeuger, dessen Hintergrund in Physik und Jazz seinen einzigartigen Zugang zur elektronischen Musik prägt. In dieser Episode beleuchtet Tim seinen Weg vom Jazz-Trompeter zum Modular-Enthusiasten und zeigt, wie das modulare Format ihm ermöglicht, vielschichtige Klanglandschaften zu erschaffen, die Jazz, House und experimentelle Elektronik miteinander verweben. Freuen Sie sich auf tiefe Einblicke in Kompositionsstrategien, Patch-Analysen und die feine Kunst der Modulation – sowie darauf, wie Frap Tools-Module in Tims kreativen Workflow passen. Für alle, die sich für die Schnittstelle von Jazz-Harmonik und Modular-Komplexität interessieren, ist dieses Video Pflichtprogramm.

Vom Jazz-Trompeter zum Modular-Patchkabel

Tim Davies‘ musikalischer Werdegang ist verschlungen: Er beginnt mit der Trompete in Schul-Jazzbands, entwickelt sich über Schlagzeug und Recording weiter und landet schließlich in der Welt der modularen Synthese. Sein wissenschaftlicher Hintergrund – er hat einen Master in Physik – prägt seinen kreativen Prozess und fördert einen methodischen, aber zugleich experimentellen Zugang zum Klang. Tims erster Kontakt mit elektronischer Musik erfolgte über Computer-Tools wie Ableton und Max, doch schnell zog es ihn zu den haptischen Möglichkeiten der Hardware-Synthese. Das modulare Format, mit seinen endlosen Patchmöglichkeiten, bot ihm die Brücke zwischen der Improvisationslust des Jazz und der klanglichen Experimentierfreude der Elektronik.

Auffällig in Tims Geschichte ist die Verschmelzung zweier scheinbar gegensätzlicher Welten: die kollaborative, improvisatorische Energie des Jazz und die präzisen, skulpturalen Möglichkeiten der modularen Synthese. Er betont, dass Software zwar nahe an bestimmte Klänge herankommt, aber das „richtige Werkzeug für den Job“ – sprich: die physischen Module – eine besondere Magie entfalten. Die Lockdowns während der Pandemie gaben Tim die Zeit und den Raum, sich intensiv mit Modular zu beschäftigen und die Klänge zu verfolgen, die er sich lange vorgestellt, aber mit Software allein nie erreicht hatte. Für Tim ist Modular nicht bloß ein Gerätepark, sondern eine Möglichkeit, Musik physisch zu erleben – dort, wo Spannung und Intuition sich treffen.

Was ich an Modular als Format wirklich mag, ist, dass man mit einer einfachen Auswahl an Modulen so viele verschiedene Instrumente bauen…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Kompositorische Alchemie: Jazz trifft modulare Layer

Wenn man eine Akkordfolge hat, die sich chromatisch stark verändert und zwischen den Akkorden nur wenige gemeinsame Töne hat, kann man…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Tims Kompositionsworkflow ist eine hybride Angelegenheit, die die Stärken von DAW-basiertem Sequencing und Modular-Hardware integriert. In seinem Hauptprojekt Marble Sun arbeitet er mit Sängerin Olivia Williams zusammen und erschafft Musik, die an der Schnittstelle von Dance, Jazz und Pop angesiedelt ist. Der Songwriting-Prozess beginnt oft mit choralen Strukturen am Klavier, wobei Voice Leading und harmonische Kontinuität – ein Verweis auf die Jazztradition – im Fokus stehen. Diese harmonischen Grundgerüste werden dann mit Rhythmus, Bass und modularen Arpeggios ausgearbeitet, sodass Tracks entstehen, die sowohl harmonisch reich als auch rhythmisch fesselnd sind.

Ein zentrales Learning von Tim ist die Bedeutung gemeinsamer Töne und sanfter Übergänge zwischen Akkorden, besonders beim Sequenzieren modularer Synths mit zeitbasierten Effekten oder Arpeggiatoren. Durch die Überlappung von Tönen in benachbarten Akkorden vermeidet er unerwünschte Dissonanzen und schafft eine Basis, auf der modulare Parts sich harmonisch ins Arrangement einfügen. Interessanterweise werden Melodien bei Marble Sun oft zuletzt komponiert und über das bestehende harmonische und rhythmische Gerüst gelegt. Dieser Ansatz, im Pop-Kontext ungewöhnlich, entstammt der Jazz-Improvisation und führt zu Musik, die zugleich natürlich und raffiniert wirkt.

Patch-Analyse: Stimmen, Modulation und Textur

Das Herzstück des Videos ist eine detaillierte Analyse von Tims Modular-Patch, die zeigt, wie mehrere Stimmen und clevere Modulation eine kohärente, dynamische Klanglandschaft erzeugen. Vier Hauptstimmen sind beteiligt: eine subtraktive Bass-Stimme mit klassischer Ladder-Filterung, zwei Arpeggiator-Stimmen (eine über Frap Tools BRENSO, eine über den Pittsburgh Primary Oscillator mit seinem charakteristischen Fragments-Ausgang) und eine hohe Pedalstimme, gesampelt und manipuliert via Morphagene und Fumana. Jede Stimme wird mit eigenem Envelope und Filterweg geformt, wobei Modulationsquellen gezielt verteilt werden, um das Patch zusammenzuhalten.

Tims Modulationsansatz ist besonders lehrreich. Anstatt das System mit unzusammenhängenden Modulationsquellen zu überfluten, nutzt er wenige Sequencer-Lanes und Zufallsspannungen, die auf mehrere Ziele gemultet werden. Diese Strategie hält das Patch lebendig und entwickelt, ohne ins Chaos abzurutschen – eine Lektion in Zurückhaltung und Zielgerichtetheit. Das Ergebnis ist ein Patch, in dem Envelope-Decay, Filter-Cutoff und klangliche Verschiebungen gemeinsam agieren und einen Sound erzeugen, der zugleich organisch und kontrolliert wirkt.

Das Agogo hat hier ein wirklich schönes Feature, bei dem man ein oder zwei Envelopes einspeisen und dann auf alle verschiedenen Kanäle…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Vielseitigkeit im Modular: Melodielinien und harmonische Tiefe

Tim zeigt, wie modulare Synthese in der Produktionskette verschiedene Rollen einnehmen kann – vom Generieren musikalischer Rohideen bis hin zum ausgefeilten Effektprozessor. Oft behandelt er sein Modular-System als Set flexibler Instrumente: Mal nutzt er es als externes Plugin für Bass, Leads oder Arpeggios, mal für Post-Production-Effekte und Übergänge. Diese Vielseitigkeit ist ein großer Vorteil und erlaubt es ihm, die Rolle des Modulars je nach Track flexibel anzupassen.

Im Gespräch werden auch die Herausforderungen und Belohnungen der Integration von Modular-Hardware mit DAW-Sequencing deutlich, besonders bei komplexen Jazz-Harmonien und wechselnden Taktarten. Tim bevorzugt es, das Notensequencing in Ableton zu erledigen und das Modular für Klangformung und Modulation einzusetzen. Diese Arbeitsteilung ermöglicht ihm sowohl klassische Melodielinien als auch komplexe harmonische Texturen – und das bei einem unverwechselbaren Klangcharakter. Die Begrenzungen des Modulars – endliche Stimmen, Envelopes und Modulationswege – werden zu kreativen Einschränkungen, die das Verständnis von Signalfluss und musikalischen Beziehungen vertiefen.


Marble Sun: Jazz, Dance und Modular im Live-Einsatz

Man muss eigentlich gar nicht so viel tun, um einen eigenen Sound zu haben, und ich finde, Modular hilft dabei total, weil die Kombination…

© Screenshot/Zitat: Fraptools (YouTube)

Im letzten Abschnitt geht es um Marble Sun, Tims Hauptprojekt, das die Verschmelzung von Jazz-Sensibilität und Dancefloor-Energie beispielhaft vorführt. Tracks wie „Sunflower“ zeigen, wie Frap Tools-Module wie Fumana auf unkonventionelle Weise eingesetzt werden können – hier etwa als Vocoder für Drum Machines und Synth-Chords. Tims und Olivias gemeinsamer Jazz-Hintergrund prägt ihren Ansatz und führt zu Musik, die sowohl harmonisch abenteuerlustig als auch unmittelbar zugänglich ist.

Es gibt zahlreiche praktische Workflow-Tipps: Tim spricht über die Bedeutung von klanglicher Konsistenz, die durch die Arbeit mit einem begrenzten Modul- und Instrumenten-Setup erreicht wird, und über Modulationsstrategien, die sowohl performativ als auch wiederholbar sind. Das Gespräch endet mit Überlegungen zu zukünftigen Moduldesigns – Tim träumt von einem einfachen, sliderbasierten CV-Sequencer für mehr haptische Kontrolle – und Reflexionen darüber, wie die Begrenzungen des Modulars das Verständnis für Gear und musikalische Struktur vertiefen können. Für alle, die an der Schnittstelle von Jazz, elektronischer Musik und Modular-Synthese arbeiten, bietet Marble Sun einen inspirierenden Fahrplan.

Übersetzt aus dem Englischen. Den Originalbeitrag findest du hier: https://synthmagazine.com/frap-tools-tim-davies-on-modular-jazz-house-and-the-art-of-the-patch/
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