Kangding Ray: Klangarchitekturen und cineastische Drones – Ein Interview mit Metamyther

11. Dezember 2025

LUMINA

Kangding Ray: Klangarchitekturen und cineastische Drones – Ein Interview mit Metamyther

Metamyther lädt uns ein in eine Welt, in der Klang mehr ist als Vibration – er ist Architektur, Erinnerung und Mythos. Im diesem immersiven Interview offenbart Kangding Ray, wie sein Weg vom Rockgitarristen zum elektronischen Komponisten von den tektonischen Platten der Architektur und den wilden Flüssen der Inspiration geprägt ist. Das Gespräch driftet durch die Vertonung von ‚Sirāt‘, einem Film, in dem Techno-Pulse und Ambient-Geister verschmelzen und modulare Synthese sowohl Werkzeug als auch Muse wird. Für alle, die mit den Knochen genauso hören wie mit den Ohren, ist dies ein seltener Einblick in die emotionalen und technischen Landschaften, die Kangding Rays charakteristischen Sound formen.

Von Bergen zu Maschinen: Die Genesis von Kangding Ray

Wir beginnen in den Wildnissen Sichuans, wo ein Fluss durch Berge schneidet und Licht über Wasser bricht – ein Ort, der Kangding Ray seinen Namen gab. Die Reise des Künstlers ist keine gerade Linie, sondern ein mäandernder Strom, geprägt von einer zufälligen Namenssuche und der Serendipität, gerade in einer Stadt zu sein, deren Name später sein Künstlername werden sollte. Das Gespräch zeigt, dass Kangding Rays Wurzeln im Rock liegen, mit Echos von My Bloody Valentine und Nine Inch Nails, die noch heute in seiner kreativen DNA nachhallen. Seine frühe Skepsis gegenüber elektronischer Musik löst sich auf, als Berlins architektonische Landschaft und klangliche Möglichkeiten ihn in neues Terrain ziehen.

Architektur ist für Kangding Ray mehr als ein aufgegebener Beruf; sie ist eine Linse, durch die er Kreativität betrachtet. Er beschreibt Architektur als eine Kultur der Synthese, in der unterschiedliche Elemente verwoben werden – ein Prozess, der sich in seinem musikalischen Ansatz widerspiegelt. Die Disziplin verlangt breites Wissen und das Orchestrieren vieler Talente, was sich in seinem kompositorischen Prozess wiederfindet. Dennoch betont er, dass der Geist der Architektur zwar seine Denkweise prägt, die alltäglichen Realitäten beider Künste jedoch verschieden bleiben. Das Ergebnis ist ein Klang, der konstruiert und doch organisch wirkt – wie ein Gebäude, das atmet.

Schau, wo ich jetzt bin, mache Musik mit Maschinen. Dinge ändern sich eben.

© Screenshot/Zitat: Metamyther (YouTube)

Sirāt: Techno-Puls und Ambient-Mirage

Viele Leute sprechen über Techno für diesen Film, aber Techno ist nicht einmal die Hälfte des Scores.

© Screenshot/Zitat: Metamyther (YouTube)

Der Score zu ‚Sirāt‘ ist eine Klangwüste – trocken, brutal und schimmernd vor Fata-Morgana-artigen Texturen. Kangding Ray spricht von der Dualität des Films: Die Eröffnungsszenen pochen mit rohem, diegetischem Techno, während die Erzählung allmählich in ambienthafte, spirituelle Klanglandschaften übergeht. Diese langsame Auflösung, vom stampfenden Rave zur geisterhaften Schwebe, ist kein Zufall, sondern ein bewusster erzählerischer Bogen. Die Musik wird zur Figur, die ausdrückt, was Dialoge nicht können, besonders wenn der Film in seine wortlosen, emotionalen Tiefen eintaucht.

Einflüsse wirbeln wie Staubstürme: Vangelis, Artemyev und die minimalistischen Geister von Tarkowskis Kino. Kangding Rays Score ist nicht bloß Hintergrund, sondern eine immersive Präsenz, die die Härte der Umgebung und das allegorische Gewicht der Geschichte widerspiegelt. Der Prozess ist einer von Risiko und Intuition – ein Würfelwurf in der Hoffnung, dass die Musik das Publikum ebenso tief berührt wie die Schaffenden. Der Klang ist zugleich Landschaft und Führer, der uns durch das spirituelle Terrain des Films leitet.

Modulare Alchemie: Make Noise und die geheime Zutat

Modulare Synthese ist der Schmelztiegel, in dem Kangding Rays klangliche Metalle geschmiedet werden. Er offenbart, dass viele der charakteristischen Drones des Films aus nur wenigen Make Noise-Modulen entstehen – Geräte, die er als essenziell für seinen Sound bezeichnet. Der ARB Reverb, QPAS und die unvorhersehbaren Feedback-Loops, die sie ermöglichen, werden zu den Magnetfeldern, in denen seine Drones wirbeln und sich entwickeln. Er beschreibt den Prozess als einen Tanz zwischen analoger Unberechenbarkeit und digitaler Präzision, bei dem der taktile Akt des Filter- und Klangformens ebenso wichtig ist wie die Noten selbst.

Tony Rolando, der Chefdesigner von Make Noise, wird als Genie bezeichnet – eine seltene Auszeichnung in einer Welt, in der Geräte oft nur Mittel zum Zweck sind. Für Kangding Ray sind diese Module nicht nur Werkzeuge, sondern Mitgestalter, die den emotionalen und physischen Impact seiner Arbeit prägen. Die modulare Umgebung mit ihren flüchtigen Patches und glücklichen Zufällen ist zugleich Spielplatz und Herausforderung. Sie verlangt, dass der Komponist mehr aufnimmt als er braucht, immer auf der Suche nach den flüchtigen Momenten, in denen sich Magie in Klang verdichtet.

Ich denke, Tony... der Hauptdesigner Tony Rolando, ich halte ihn für ein absolutes Genie.

© Screenshot/Zitat: Metamyther (YouTube)

Kollaborative Strömungen: Scoring mit Oliver und darüber hinaus

Wir haben es wirklich geschafft, eine Art gemeinsame Kultur oder gemeinsamen Boden zu finden, weil ich fand, dass es sehr wichtig war, ihm…

© Screenshot/Zitat: Metamyther (YouTube)

Die Entstehung von ‚Sirāt‘ offenbart sich als Reise gemeinsamen Hörens und gegenseitigen Respekts zwischen Kangding Ray und Regisseur Oliver. Ihr Prozess ist weniger von strikter Vorgabe geprägt, sondern gleicht einem gemeinsamen Wandern durch musikalische Landschaften – Platten hören, Referenzen austauschen und eine gemeinsame Basis schaffen. Die Verantwortung, die Underground-Techno-Szene authentisch darzustellen, wiegt schwer und prägt ihre Entscheidungen sowie die Tiefe ihrer Zusammenarbeit.

Die technische Kollaboration erstreckt sich auf die Sounddesignerin Leia und den Editor des Films, während der Score in das Gewebe des Atmos-Mixes eingewoben wird. Das Team arbeitet daran, die Grenzen zwischen Musik und Umgebungsgeräusch zu verwischen und ein nahtloses Geflecht zu schaffen, in dem Wind, Sand und Drones miteinander resonieren. Der Workflow ist iterativ und organisch, oft geht die Musik den Bildern voraus und dient als Rückgrat für Rhythmus und emotionale Führung des Films. Dies ist kein Prozess des Zusammenbauens, sondern des Eintauchens – bei dem das Fachwissen jedes Mitwirkenden das finale, umhüllende Erlebnis prägt.

Drift Inside: Eine Einladung zum Hinhören

Um die Nebula-Drones und tektonischen Pulse von Kangding Rays Welt wirklich zu spüren, muss man über Worte hinausgehen und in den Klang selbst eintreten. Metamythers Interview ist eine Schwelle – eine Einladung, ‚Sirāt‘ nicht nur als Film, sondern als lebendige, atmende Klangarchitektur zu erleben. Die Texturen, die Geister, die magnetische Resonanz modularer Synthese – all das begegnet man am besten mit offenen Ohren und unbewachtem Herzen. Für alle, die Musik als Landschaft und Geschichte zugleich suchen, wartet die Reise.


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